APOSTOLISCHE REISE NACH KƯLN
ANLSSLICH DES XX. WELTJUGENDTAGES
VIGIL MIT DEN JUGENDLICHEN AUF DEM MARIENFELD
ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
Kưln, Marienfeld
Samstag, 20. August 2005
Liebe Jugendliche!
Auf unserem Pilgerweg mit den geheimnisvollen Weisen aus dem Orient sind wir jetzt an der Stelle angelangt, die uns Matthus in seinem Evangelium so beschreibt: „Und sie gingen in das Haus (ber dem der Stern stehengeblieben war) und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und beteten es an“ (Mt 2, 11). Der ußere Weg dieser Mnner war zu Ende. Sie waren an ihrem Ziel. Aber an dieser Stelle beginnt fr sie ein neuer Weg, eine innere Pilgerschaft, die ihr ganzes Leben ndert. Denn sie hatten sich diesen neugeborenen Kưnig gewiß anders vorgestellt. Sie hatten ja in Jerusalem Halt gemacht und beim dortigen Kưnig nach dem verheißenen Kưnigskind gefragt. Sie wußten, daß die Welt in Unordnung war, und deswegen war ihr Herz unruhig geblieben. Sie waren gewiß, daß es Gott gebe, einen gerechten und gtigen Gott. Und sie hatten wohl auch von den großen Prophezeiungen gehưrt, in denen die Propheten Israels einen Kưnig vorhersagten, der im innersten Einklang mit Gott stehen und von ihm her die Welt in Ordnung bringen wrde. Diesen Kưnig waren sie suchen gegangen: Sie waren im tiefsten auf der Suche nach dem Recht, nach der Gerechtigkeit, die von Gott kommen mußte und wollten diesem Kưnig zu Diensten sein, sich ihm zu Fßen werfen und so selbst der Erneuerung der Welt dienen. Sie gehưrten zu denen, die „Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit“ (Mt 5, 6). Diesem Hunger und Durst waren sie mit ihrer Pilgerschaft gefolgt - sie waren Pilger zur Gerechtigkeit, die sie von Gott erwarteten und in deren Dienst sie selber treten wollten.
Auch wenn die anderen Menschen, die zu Hause Gebliebenen, sie fr Phantasten und Trumer halten mochten - sie waren durchaus Realisten und wußten, daß zur nderung der Welt Macht gehưrt. Deshalb konnten sie das Kind der Verheißung zunchst nur im Kưnigspalast suchen. Aber nun beugen sie sich vor einem Kind armer Leute, und sehr bald erfuhren sie, daß Herodes - der Kưnig, den sie aufgesucht hatten - mit seiner Macht ihm nachstellen wrde und daß der Familie nur die Flucht und das Exil verblieben. Der neue Kưnig, den sie anbeteten, war ganz anders, als sie erwartet hatten. So mußten sie lernen, daß Gott anders ist, als wir ihn gewưhnlich uns vorstellen. Nun begann ihre innere Wanderung. Sie begann in dem Augenblick, in dem sie sich vor diesem Kind niederwarfen und es als den verheißenen Kưnig anerkannten. Aber diese freudigen Gesten mußten sie erst innerlich einholen.
Sie mußten ihren Begriff von Macht, von Gott und vom Menschen ndern und darin sich selbst ndern. Sie sahen nun: Die Macht Gottes ist anders als die Macht der Mchtigen der Welt. Die Art, wie Gott wirkt, ist anders als wir es uns ausdenken und ihm gerne vorschreiben mưchten. Gott tritt in dieser Welt nicht in Konkurrenz zu den weltlichen Formen der Macht. Er stellt nicht seine Divisionen anderen Divisionen gegenber. Er schickt Jesus auf dem Ưlberg nicht 12 Legionen Engel zu Hilfe (vgl. Mt 26, 53). Er stellt der lauten, auftrumpfenden Macht dieser Welt die wehrlose Macht der Liebe gegenber, die am Kreuz - und dann in der Geschichte immer wieder - unterliegt und doch das Neue, das Gưttliche ist, das nun dem Unrecht entgegentritt und Gottes Reich herauffhrt. Gott ist anders - das erkennen sie nun. Und das bedeutet, daß sie nun selbst anders werden, Gottes Art erlernen mssen.
Sie waren gekommen, sich in den Dienst dieses Kưnigs zu stellen, ihr Kưnigtum nach dem Seinen auszurichten. Das war der Sinn ihrer Huldigungsgebrde, ihrer Anbetung. Zu ihr gehưrten auch die Geschenke - Gold, Weihrauch, Myrrhe - Gaben, die man einem fr gưttlich angesehenen Kưnig spendete. Anbetung hat einen Inhalt, und zu ihr gehưrt auch eine Gabe. Die Mnner aus dem Orient waren durchaus auf der richtigen Spur, als sie mit der Gebrde der Anbetung dieses Kind als ihren Kưnig anerkennen wollten, in dessen Dienst sie ihre Macht und ihre Mưglichkeiten zu stellen gedachten. Sie wollten durch den Dienst fr ihn und die Gefolgschaft mit ihm der Sache der Gerechtigkeit, des Guten in der Welt dienen. Und da hatten sie recht. Aber nun lernen sie, daß das nicht einfach durch Befehle und von Thronen herunter geschehen konnte. Nun lernen sie, daß sie sich selber geben mssen - kein geringeres Geschenk verlangt dieser Kưnig. Nun lernen sie, daß ihr Leben von der Weise geprgt sein muß, wie Gott Macht ausbt und wie Gott selber ist: Sie mssen Menschen der Wahrheit, des Rechts, der Gte, des Verzeihens, der Barmherzigkeit werden. Sie werden nicht mehr fragen: Was bringt das fr mich, sondern sie mssen nun fragen: Womit diene ich der Gegenwart Gottes in der Welt. Sie mssen lernen, sich zu verlieren und gerade so sich zu finden. Indem sie weggehen von Bethlehem, mssen sie auf der Spur des wahren Kưnigs bleiben, in der Nachfolge Jesu.
Liebe Freunde, fragen wir uns, was das alles fr uns bedeutet. Denn was wir eben ber die andere Art Gottes gesagt haben, die unsere Lebensart bestimmen soll, klingt uns schưn, aber es bleibt doch blaß und unbestimmt. Deswegen hat Gott uns Beispiele geschenkt. Die Weisen aus dem Morgenland sind nur die ersten einer langen Prozession von Menschen, die nach dem Stern Gottes mit ihrem Leben Ausschau gehalten, den Gott gesucht haben, der uns Menschen nahe ist und uns den Weg zeigt. Es ist die große Schar der Heiligen, der bekannten und der unbekannten, in denen der Herr das Evangelium die Geschichte hindurch aufgeblttert hat und aufblttert. In ihrem Leben kommt wie in einem großen Bilderbogen der Reichtum des Evangeliums zum Vorschein. Sie sind die Lichtspur Gottes, die er selbst durch die Geschichte gezogen hat und zieht. Mein verehrter Vorgnger Papst Johannes Paul II. hat eine große Schar von Menschen vergangener und naher Zeiten selig- und heiliggesprochen. Er wollte uns in diesen Gestalten zeigen, wie es geht, ein Christ zu sein; wie es geht, das Leben recht zu machen - nach der Weise Gottes zu leben. Die Seligen und Heiligen waren Menschen, die nicht verzweifelt nach ihrem eigenen Glck Ausschau hielten, sondern einfach sich geben wollten, weil sie vom Licht Jesu Christi getroffen waren. Und so zeigen sie uns den Weg, wie man glcklich wird, wie man das macht, ein Mensch zu sein. Im Auf und Ab der Geschichte waren sie die wirklichen Erneuerer, die immer wieder die Geschichte aus den dunklen Tlern herausgeholt haben, in denen sie immer neu zu versinken droht und immer wieder so viel Licht in sie brachten, daß man dem Wort Gottes, wenn vielleicht auch unter Schmerzen, zustimmen kann, der am Ende des Schưpfungswerkes gesagt hatte: Es ist gut. Denken wir nur an Gestalten wie Sankt Benedikt, wie Franz von Assisi, wie Teresa von Avila, Ignatius von Loyola, Karl Borromus, an die Ordensgrnder des 19. Jahrhunderts, die der Sozialen Bewegung ihr Herz gegeben haben oder an Heilige unserer Zeit - Maximilian Kolbe, Edith Stein, Mutter Teresa, Pater Pio. Wenn wir diese Gestalten ansehen, dann lernen wir, was „anbeten“ heißt und was es heißt, nach den Maßstben des Kindes von Bethlehem, den Maßstben Jesu Christi und Gottes selbst zu leben.
Die Heiligen sind die wahren Reformer, hatten wir gesagt. Ich mưchte es nun noch radikaler ausdrcken: Nur von den Heiligen, nur von Gott her kommt die wirkliche Revolution, die grundlegende nderung der Welt. Wir haben im abgelaufenen Jahrhundert die Revolutionen erlebt, deren gemeinsames Programm es war, nicht mehr auf Gott zu warten, sondern die Sache der Verfassung der Welt ganz selbst in die Hnde zu nehmen. Und wir haben gesehen, daß damit immer ein menschlicher, ein parteilicher Standpunkt zum absoluten Maßstab genommen wurde. Das Absolutsetzen dessen, was nicht absolut, sondern relativ ist, heißt Totalitarismus. Es macht den Menschen nicht frei, sondern entehrt ihn und versklavt ihn. Nicht die Ideologien retten die Welt, sondern allein die Hinwendung zum lebendigen Gott, der unser Schưpfer, der Garant unserer Freiheit, der Garant des wirklich Guten und Wahren ist. Die wirkliche Revolution besteht allein in der radikalen Hinwendung zu Gott, der das Maß des Gerechten und zugleich die ewige Liebe ist. Und was kưnnte uns denn retten wenn nicht die Liebe?
Liebe Freunde! Laßt mich nur noch zwei kurze Gedanken anfgen. Von Gott reden viele; im Namen Gottes wird auch Haß gepredigt und Gewalt ausgebt. Deswegen kommt es darauf an, das wahre Antlitz Gottes zu finden. Die Weisen aus dem Orient haben es gefunden, als sie sich vor dem Kind in Bethlehem beugten. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, hat Jesus zu Philippus gesagt (Joh 14, 9). In Jesus Christus, der sich fr uns das Herz hat durchbohren lassen, ist uns das wahre Gesicht Gottes erschienen. Ihm folgen wir mit der großen Schar derer, die uns da vorangegangen sind. Dann gehen wir recht.
Das bedeutet, daß wir uns nicht einen privaten Gott und nicht einen privaten Jesus zurechtmachen, sondern dem Jesus glauben, vor dem Jesus uns beugen, den uns die Heiligen Schriften zeigen und der sich in der großen Prozession der Glubigen, die wir Kirche nennen, als lebendig, als immer gleichzeitig mit uns und zugleich immer uns voraus zeigt. An der Kirche kann man sehr viel Kritik ben. Wir wissen es, und der Herr hat es uns gesagt: Sie ist ein Netz mit guten und schlechten Fischen, ein Acker mit Weizen und Unkraut. Papst Johannes Paul II., der uns in den vielen Seligen und Heiligen das wahre Gesicht der Kirche gezeigt hat, hat auch um Verzeihung gebeten fr das, was durch das Handeln und Reden von Menschen der Kirche an Bưsem in der Geschichte geschehen ist. So hlt er auch uns selber den Spiegel vor und ruft uns auf, mit all unseren Fehlern und Schwchen in die Prozession der Heiligen einzutreten, die mit den Weisen aus dem Orient begonnen hat. Im Grund ist es doch trưstlich, daß es Unkraut in der Kirche gibt: In all unseren Fehlern drfen wir hoffen, doch noch in der Nachfolge Jesu zu sein, der gerade die Snder berufen hat. Die Kirche ist wie eine menschliche Familie, und sie ist doch zugleich die große Familie Gottes, durch die er einen Raum der Gemeinschaft und der Einheit quer durch die Kontinente, durch die Kulturen und Nationen legt. Deswegen freuen wir uns, daß wir zu dieser großen Familie gehưren; daß wir Geschwister und Freunde haben in aller Welt. Wir erleben es hier in Kưln, wie schưn es ist, einer welt-weiten Familie anzugehưren, die Himmel und Erde, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alle Teile der Erde umspannt. In dieser großen Weggemeinschaft gehen wir mit Christus, gehen wir mit dem Stern, der die Geschichte erleuchtet.
„Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und beteten es an“ (Mt 2, 11). Liebe Freunde - das ist nicht eine weit entfernte, lang vergangene Geschichte. Das ist Gegenwart. Hier in der heiligen Hostie ist ER vor uns und unter uns. Wie damals verhllt er sich geheimnisvoll in heiligem Schweigen, und wie damals offenbart er gerade so Gottes wahres Gesicht. Er ist fr uns Weizenkorn geworden, das in die Erde fllt und stirbt und Frucht bringt bis zum Ende der Zeiten (vgl. Joh 12, 24). Er ist da wie damals in Bethlehem. Er ldt uns ein zu der inneren Wanderschaft, die Anbetung heißt. Machen wir uns jetzt auf diesen inneren Weg und bitten wir ihn, daß er uns fhre. Amen.
ANLSSLICH DES XX. WELTJUGENDTAGES
VIGIL MIT DEN JUGENDLICHEN AUF DEM MARIENFELD
ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
Kưln, Marienfeld
Samstag, 20. August 2005
Liebe Jugendliche!
Auf unserem Pilgerweg mit den geheimnisvollen Weisen aus dem Orient sind wir jetzt an der Stelle angelangt, die uns Matthus in seinem Evangelium so beschreibt: „Und sie gingen in das Haus (ber dem der Stern stehengeblieben war) und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und beteten es an“ (Mt 2, 11). Der ußere Weg dieser Mnner war zu Ende. Sie waren an ihrem Ziel. Aber an dieser Stelle beginnt fr sie ein neuer Weg, eine innere Pilgerschaft, die ihr ganzes Leben ndert. Denn sie hatten sich diesen neugeborenen Kưnig gewiß anders vorgestellt. Sie hatten ja in Jerusalem Halt gemacht und beim dortigen Kưnig nach dem verheißenen Kưnigskind gefragt. Sie wußten, daß die Welt in Unordnung war, und deswegen war ihr Herz unruhig geblieben. Sie waren gewiß, daß es Gott gebe, einen gerechten und gtigen Gott. Und sie hatten wohl auch von den großen Prophezeiungen gehưrt, in denen die Propheten Israels einen Kưnig vorhersagten, der im innersten Einklang mit Gott stehen und von ihm her die Welt in Ordnung bringen wrde. Diesen Kưnig waren sie suchen gegangen: Sie waren im tiefsten auf der Suche nach dem Recht, nach der Gerechtigkeit, die von Gott kommen mußte und wollten diesem Kưnig zu Diensten sein, sich ihm zu Fßen werfen und so selbst der Erneuerung der Welt dienen. Sie gehưrten zu denen, die „Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit“ (Mt 5, 6). Diesem Hunger und Durst waren sie mit ihrer Pilgerschaft gefolgt - sie waren Pilger zur Gerechtigkeit, die sie von Gott erwarteten und in deren Dienst sie selber treten wollten.
Auch wenn die anderen Menschen, die zu Hause Gebliebenen, sie fr Phantasten und Trumer halten mochten - sie waren durchaus Realisten und wußten, daß zur nderung der Welt Macht gehưrt. Deshalb konnten sie das Kind der Verheißung zunchst nur im Kưnigspalast suchen. Aber nun beugen sie sich vor einem Kind armer Leute, und sehr bald erfuhren sie, daß Herodes - der Kưnig, den sie aufgesucht hatten - mit seiner Macht ihm nachstellen wrde und daß der Familie nur die Flucht und das Exil verblieben. Der neue Kưnig, den sie anbeteten, war ganz anders, als sie erwartet hatten. So mußten sie lernen, daß Gott anders ist, als wir ihn gewưhnlich uns vorstellen. Nun begann ihre innere Wanderung. Sie begann in dem Augenblick, in dem sie sich vor diesem Kind niederwarfen und es als den verheißenen Kưnig anerkannten. Aber diese freudigen Gesten mußten sie erst innerlich einholen.
Sie mußten ihren Begriff von Macht, von Gott und vom Menschen ndern und darin sich selbst ndern. Sie sahen nun: Die Macht Gottes ist anders als die Macht der Mchtigen der Welt. Die Art, wie Gott wirkt, ist anders als wir es uns ausdenken und ihm gerne vorschreiben mưchten. Gott tritt in dieser Welt nicht in Konkurrenz zu den weltlichen Formen der Macht. Er stellt nicht seine Divisionen anderen Divisionen gegenber. Er schickt Jesus auf dem Ưlberg nicht 12 Legionen Engel zu Hilfe (vgl. Mt 26, 53). Er stellt der lauten, auftrumpfenden Macht dieser Welt die wehrlose Macht der Liebe gegenber, die am Kreuz - und dann in der Geschichte immer wieder - unterliegt und doch das Neue, das Gưttliche ist, das nun dem Unrecht entgegentritt und Gottes Reich herauffhrt. Gott ist anders - das erkennen sie nun. Und das bedeutet, daß sie nun selbst anders werden, Gottes Art erlernen mssen.
Sie waren gekommen, sich in den Dienst dieses Kưnigs zu stellen, ihr Kưnigtum nach dem Seinen auszurichten. Das war der Sinn ihrer Huldigungsgebrde, ihrer Anbetung. Zu ihr gehưrten auch die Geschenke - Gold, Weihrauch, Myrrhe - Gaben, die man einem fr gưttlich angesehenen Kưnig spendete. Anbetung hat einen Inhalt, und zu ihr gehưrt auch eine Gabe. Die Mnner aus dem Orient waren durchaus auf der richtigen Spur, als sie mit der Gebrde der Anbetung dieses Kind als ihren Kưnig anerkennen wollten, in dessen Dienst sie ihre Macht und ihre Mưglichkeiten zu stellen gedachten. Sie wollten durch den Dienst fr ihn und die Gefolgschaft mit ihm der Sache der Gerechtigkeit, des Guten in der Welt dienen. Und da hatten sie recht. Aber nun lernen sie, daß das nicht einfach durch Befehle und von Thronen herunter geschehen konnte. Nun lernen sie, daß sie sich selber geben mssen - kein geringeres Geschenk verlangt dieser Kưnig. Nun lernen sie, daß ihr Leben von der Weise geprgt sein muß, wie Gott Macht ausbt und wie Gott selber ist: Sie mssen Menschen der Wahrheit, des Rechts, der Gte, des Verzeihens, der Barmherzigkeit werden. Sie werden nicht mehr fragen: Was bringt das fr mich, sondern sie mssen nun fragen: Womit diene ich der Gegenwart Gottes in der Welt. Sie mssen lernen, sich zu verlieren und gerade so sich zu finden. Indem sie weggehen von Bethlehem, mssen sie auf der Spur des wahren Kưnigs bleiben, in der Nachfolge Jesu.
Liebe Freunde, fragen wir uns, was das alles fr uns bedeutet. Denn was wir eben ber die andere Art Gottes gesagt haben, die unsere Lebensart bestimmen soll, klingt uns schưn, aber es bleibt doch blaß und unbestimmt. Deswegen hat Gott uns Beispiele geschenkt. Die Weisen aus dem Morgenland sind nur die ersten einer langen Prozession von Menschen, die nach dem Stern Gottes mit ihrem Leben Ausschau gehalten, den Gott gesucht haben, der uns Menschen nahe ist und uns den Weg zeigt. Es ist die große Schar der Heiligen, der bekannten und der unbekannten, in denen der Herr das Evangelium die Geschichte hindurch aufgeblttert hat und aufblttert. In ihrem Leben kommt wie in einem großen Bilderbogen der Reichtum des Evangeliums zum Vorschein. Sie sind die Lichtspur Gottes, die er selbst durch die Geschichte gezogen hat und zieht. Mein verehrter Vorgnger Papst Johannes Paul II. hat eine große Schar von Menschen vergangener und naher Zeiten selig- und heiliggesprochen. Er wollte uns in diesen Gestalten zeigen, wie es geht, ein Christ zu sein; wie es geht, das Leben recht zu machen - nach der Weise Gottes zu leben. Die Seligen und Heiligen waren Menschen, die nicht verzweifelt nach ihrem eigenen Glck Ausschau hielten, sondern einfach sich geben wollten, weil sie vom Licht Jesu Christi getroffen waren. Und so zeigen sie uns den Weg, wie man glcklich wird, wie man das macht, ein Mensch zu sein. Im Auf und Ab der Geschichte waren sie die wirklichen Erneuerer, die immer wieder die Geschichte aus den dunklen Tlern herausgeholt haben, in denen sie immer neu zu versinken droht und immer wieder so viel Licht in sie brachten, daß man dem Wort Gottes, wenn vielleicht auch unter Schmerzen, zustimmen kann, der am Ende des Schưpfungswerkes gesagt hatte: Es ist gut. Denken wir nur an Gestalten wie Sankt Benedikt, wie Franz von Assisi, wie Teresa von Avila, Ignatius von Loyola, Karl Borromus, an die Ordensgrnder des 19. Jahrhunderts, die der Sozialen Bewegung ihr Herz gegeben haben oder an Heilige unserer Zeit - Maximilian Kolbe, Edith Stein, Mutter Teresa, Pater Pio. Wenn wir diese Gestalten ansehen, dann lernen wir, was „anbeten“ heißt und was es heißt, nach den Maßstben des Kindes von Bethlehem, den Maßstben Jesu Christi und Gottes selbst zu leben.
Die Heiligen sind die wahren Reformer, hatten wir gesagt. Ich mưchte es nun noch radikaler ausdrcken: Nur von den Heiligen, nur von Gott her kommt die wirkliche Revolution, die grundlegende nderung der Welt. Wir haben im abgelaufenen Jahrhundert die Revolutionen erlebt, deren gemeinsames Programm es war, nicht mehr auf Gott zu warten, sondern die Sache der Verfassung der Welt ganz selbst in die Hnde zu nehmen. Und wir haben gesehen, daß damit immer ein menschlicher, ein parteilicher Standpunkt zum absoluten Maßstab genommen wurde. Das Absolutsetzen dessen, was nicht absolut, sondern relativ ist, heißt Totalitarismus. Es macht den Menschen nicht frei, sondern entehrt ihn und versklavt ihn. Nicht die Ideologien retten die Welt, sondern allein die Hinwendung zum lebendigen Gott, der unser Schưpfer, der Garant unserer Freiheit, der Garant des wirklich Guten und Wahren ist. Die wirkliche Revolution besteht allein in der radikalen Hinwendung zu Gott, der das Maß des Gerechten und zugleich die ewige Liebe ist. Und was kưnnte uns denn retten wenn nicht die Liebe?
Liebe Freunde! Laßt mich nur noch zwei kurze Gedanken anfgen. Von Gott reden viele; im Namen Gottes wird auch Haß gepredigt und Gewalt ausgebt. Deswegen kommt es darauf an, das wahre Antlitz Gottes zu finden. Die Weisen aus dem Orient haben es gefunden, als sie sich vor dem Kind in Bethlehem beugten. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, hat Jesus zu Philippus gesagt (Joh 14, 9). In Jesus Christus, der sich fr uns das Herz hat durchbohren lassen, ist uns das wahre Gesicht Gottes erschienen. Ihm folgen wir mit der großen Schar derer, die uns da vorangegangen sind. Dann gehen wir recht.
Das bedeutet, daß wir uns nicht einen privaten Gott und nicht einen privaten Jesus zurechtmachen, sondern dem Jesus glauben, vor dem Jesus uns beugen, den uns die Heiligen Schriften zeigen und der sich in der großen Prozession der Glubigen, die wir Kirche nennen, als lebendig, als immer gleichzeitig mit uns und zugleich immer uns voraus zeigt. An der Kirche kann man sehr viel Kritik ben. Wir wissen es, und der Herr hat es uns gesagt: Sie ist ein Netz mit guten und schlechten Fischen, ein Acker mit Weizen und Unkraut. Papst Johannes Paul II., der uns in den vielen Seligen und Heiligen das wahre Gesicht der Kirche gezeigt hat, hat auch um Verzeihung gebeten fr das, was durch das Handeln und Reden von Menschen der Kirche an Bưsem in der Geschichte geschehen ist. So hlt er auch uns selber den Spiegel vor und ruft uns auf, mit all unseren Fehlern und Schwchen in die Prozession der Heiligen einzutreten, die mit den Weisen aus dem Orient begonnen hat. Im Grund ist es doch trưstlich, daß es Unkraut in der Kirche gibt: In all unseren Fehlern drfen wir hoffen, doch noch in der Nachfolge Jesu zu sein, der gerade die Snder berufen hat. Die Kirche ist wie eine menschliche Familie, und sie ist doch zugleich die große Familie Gottes, durch die er einen Raum der Gemeinschaft und der Einheit quer durch die Kontinente, durch die Kulturen und Nationen legt. Deswegen freuen wir uns, daß wir zu dieser großen Familie gehưren; daß wir Geschwister und Freunde haben in aller Welt. Wir erleben es hier in Kưln, wie schưn es ist, einer welt-weiten Familie anzugehưren, die Himmel und Erde, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alle Teile der Erde umspannt. In dieser großen Weggemeinschaft gehen wir mit Christus, gehen wir mit dem Stern, der die Geschichte erleuchtet.
„Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und beteten es an“ (Mt 2, 11). Liebe Freunde - das ist nicht eine weit entfernte, lang vergangene Geschichte. Das ist Gegenwart. Hier in der heiligen Hostie ist ER vor uns und unter uns. Wie damals verhllt er sich geheimnisvoll in heiligem Schweigen, und wie damals offenbart er gerade so Gottes wahres Gesicht. Er ist fr uns Weizenkorn geworden, das in die Erde fllt und stirbt und Frucht bringt bis zum Ende der Zeiten (vgl. Joh 12, 24). Er ist da wie damals in Bethlehem. Er ldt uns ein zu der inneren Wanderschaft, die Anbetung heißt. Machen wir uns jetzt auf diesen inneren Weg und bitten wir ihn, daß er uns fhre. Amen.